KREUZREIM  

LUKAS  KAPITEL 15

 

VOM VERLORENEN SCHAF

 

Da standen sie und rümpften ihre Nase.

Sie tuschelten und murrten mehr und mehr.

Sie redeten sich richtig in Ekstase.

Die harschen Worte flogen hin und her:

„Wie kann der nur zu diesen Menschen gehen?

Zu denen hat man besser nicht Kontakt!
Seht ihr, wie sie bei ihm dort drüben stehen?

Die werden allesamt noch mal verknackt.

 

Guckt euch die Typen an, dieses Gesindel!

Inmitten der Verbrecher steht der Mann.

Dass der von Gott kommt halte ich für Schwindel.

Der schmeißt sich an die armen Menschen ran.

 

Der redet mit den allerletzten Leuten.

Und bei den Reichen lädt er sich oft ein.

Bei denen isst er, die uns hier ausbeuten,

dort säuft und frisst er Kaviar und Wein.

 

Der sollte sich für etwas Bess‘res halten.

Ein Gottesmann geht nicht zu Sündern hin.

Der sollte seine Rede hier entfalten.

Bei uns im Kreis versteht man ihren Sinn.“

 

So redeten die frommen Schriftgelehrten.

Sie sprachen hinter vorgehalt’ner Hand.

Noch während sie sich über ihn beschwerten,

hat Jesus sich zu ihnen hin gewandt:

 

„Stellt euch mal vor, ihr wärt ein guter Hirte,

ihr hättet hundert Schafe, die ihr führt.

Doch von den hundert eines sich verirrte.

Wer hätte diesem Schaf nicht nachgespürt?

 

Die neunundneunzig andern müsst ihr lassen,

alleine in der Wüste bleiben sie.

Vielleicht kann euer Hund auf sie aufpassen.

Doch wenn ihr dableibt, findet ihr es nie.

 

Ihr sucht das eine, das sich selbst verloren.

Vielleicht verknackste es sich seinen Lauf.

Vielleicht hängt’s im Gestrüpp, weil’s ungeschoren.

Vielleicht fiel’s in ein Loch und ein Stein drauf.

 

Ihr tragt es auf der Schulter, wenn ihr’s findet.

Ihr bringt es zu den anderen zurück.

Ihr freut euch, wenn ihr heimkommt, und empfindet

durch dieses eine Tier ganz tiefes Glück.

 

Ihr werdet überall davon erzählen.

In den Gesprächen mit den Freunden kommt es vor.

Ihr werdet es als Thema lange wählen.

Die Freude bleibt den anderen im Ohr.

 

Ich will euch sagen, so wird Gott sich freuen.

So wird im Himmel große Freude sein,

wenn einer von den nicht so ganz Getreuen,

sich auf den Wegen Gottes findet ein.

 

Der Himmel freut sich über einen Sünder,

der sich verirrt hat und dann Buße tut.

Die neunundneunzig selbstgerechten Münder,

die sind dem Himmel sowieso schon gut.“

LUKAS 15,1-7

 

 

DAS SILBERSTÜCK

 

Damals hat sie zu der Hochzeit es bekommen.

Sie erinnerte sich immer noch genau.

Damals hatte sie beschämt es angenommen,

ein Stück Aussteuer und Stolz von dieser Frau.

 

Sie hat es für sich als großen Schatz gehütet.

Damals sagte er: „Das brauchst du in der Not.“

Es war mehr für sie, als man mit Geld vergütet,

ein Stück Sicherheit, denn er war lange tot.

 

Niemals hätte sie es aus der Hand gegeben,

keinen einzigen der zehn Stück insgesamt.

Denn in ihnen steckt Erinnerung zum Leben,

weil ja jeder Groschen aus der Liebe stammt.

 

Pures Silber hielt sie da in ihren Händen,

blank geputzt und glänzend schaute sie es an.

Diesmal konnte sie kaum ihren Blick abwenden,

weil sie immer noch es nicht verstehen kann.

 

Mensch, wie konnte ihr denn dieses nur passieren?
Sie zählt nochmals nach, es ist das x-te Mal.

Ja, wie konnte sie den einen nur verlieren?

Sie schaut wieder hin: nur neun sind’s an der Zahl.

 

Hilft nur eines: Sie macht sich jetzt auf die Suche.

Oben, unten, vor und hinter ihrem Schrank.

Und es hilft ihr nichts, auch wenn sie noch so fluche,

bei der Suche putzt sie alles blitzeblank.

 

Unterm Bett und hinter allen ihren Tassen,

jedes Handtuch schwenkt sie dreimal hin und her.

Sie kann vom Gefühl her einfach es nicht fassen.

Ihre Augen werden rot und tränenschwer.

 

Abends macht sie Licht an und holt einen Besen.

Sie schaut nach in jeder Ritze, jedem Loch.

Und sie fragt sich, wo ist sie zuletzt gewesen?

Und sie tröstet sich: Ich finde ihn wohl noch.

 

Sie guckt überall, es dauert viele Stunden.

Schließlich braucht die Suche sogar Tage lang.

Doch am Ende hat den Groschen sie gefunden.

Und die Trauer wechselt über in Gesang.

 

Sie läuft rüber zu der Nachbarin zur Linken.

Sie erzählt ihr von der Freude, ihrem Glück.

Und sie lädt sie ein: „Wir wollen darauf trinken!

Komm mit mir, ich zeige dir das gute Stück.“

 

Auch die andern Nachbarn hat sie eingeladen.

Alle Freundinnen, die lädt sie obendrein.

Sie kauft Käse, Obst und backt noch frische Fladen.

Sie holt aus dem Keller auch zwei Flaschen Wein.

 

„Freut euch mit mir, denn ich habe ihn gefunden!
Er war weg und ist jetzt endlich wieder da.

Grund genug mit euch zu feiern ein paar Stunden.

Und ich sage euch, wie mir zumute war.“

 

So wird Freude sein im Himmel bei den Engeln,

wenn ein Sünder in sich geht und Buße tut.

Erd und Himmel werden gar nichts mehr bemängeln.

Gott und Menschen spüren: „Alles ist jetzt gut!“

LUKAS 15,8-10 

 

 

SEHNSUCHT

 

Wie viel Monde sind seit damals schon vergangen?
Wie viel Nächte wälzte er sich hin und her?

Wie oft musste er schon früher um ihn bangen?

Wie oft wurde ihm sein Herz deswegen schwer?

 

Wie oft stand er an der Türe um zu schauen?

In die Ferne schweifte träumerisch sein Blick.

Er versuchte seinem Herzen zu vertrauen.

Seit er fort zog, hat die Freude einen Knick.

 

Wie oft dachte er an schöne Kindertage.

Er erinnerte sich an Familienglück.

Damals war noch alles leichter – ohne Frage.

Die Gedanken gingen oft dahin zurück.

 

Doch wo wird der junge Kerle heute stecken?
Was fängt er mit sich und seinem Leben an?

Muss er sich gewaltig an die Decke strecken?
Werden sie sich wiedersehen? Wo und wann?

 

Ob das Geld reicht, das er damals ihm gegeben?

Sind die Freunde, die er traf, wohl gut für ihn?

Hat er Arbeit, Wohnung und genug zum Leben?
Musste er denn wirklich in die Ferne zieh’n?

 

Hier zu Hause hat ihn einfach nichts gehalten, -

nicht die Eltern, nicht der Bruder, nicht das Feld.

Keinen Ratschlag wollt er hören von den Alten.

Immer int‘ressierte er sich nur für Geld.

 

Leben wollte er! Ja, leben aus den Vollen!
Ja, er wollte leben, heute und nicht schlecht!
Doch ging es um Pflichten und ging es um „sollen“,

stand er auf, ging fort und nichts mehr war ihm recht.

 

Wieder einmal ging sein Blick in weite Ferne.

Dort am Horizont zieh’n Menschen pünktchengroß,

wo sie kommen, wo sie gehen, so wie Sterne, -

wie viel dieser Sterne sind wohl heimatlos?

 

Immer noch spürt er in sich die tiefe Liebe.

Sie galt ihm genau wie seinem andern Sohn.

Nichts sonst immer wieder an die Tür ihn triebe.

Ohne Liebe träumte er nicht nachts davon.

 

Davon träumt er, dass er eines Tages käme.

Offen bleibt für ihn für alle Zeit sein Haus.

Er hofft nur, dass er die Liebe dann annähme.

Seine Arme breitet er im Geist schon aus.

 

Wieder einmal steht er so in seiner Türe.

Ist es Wahrheit oder ist es Illusion?

Doch es ist, - es ist, als ob er in sich spüre:
Das dort hinten, dieser Lumpen, ist sein Sohn.

 

Und schon rennt er! Er läuft seinem Sohn entgegen.

Ganz zerfetzt und ganz verkommen sieht er aus.

Dieses Bild des Jammers kommt dort ganz verlegen

und hat nur noch einen Wunsch: „Ich will nach Haus“.

 

Und der Vater öffnet liebevoll die Arme.

Ja, er fällt ihm richtig stürmisch um den Hals.

Ach, es ist, als ob Gott selber sich erbarme.

Freudentränen und `nen Kuss gibt’s jedenfalls.

LUKAS 15,11-20

 

 

DER ÄLTERE

 

Er wurde immer großzügig behandelt,

bekam vom Vater Geld, - sogar sehr viel

und als sein Lebensstil sich danach wandelte,

lebte er in den Tag ganz ohne Ziel.

 

Ich war der Ältere wohl von uns beiden

und hab geschuftet, bis es nicht mehr ging.

Mein Vater hat mich ungerecht behandelt,

besonders dann, wenn es mit ihm zusammenhing.

 

Ihm ließ mein Vater immer seine Freiheit

auch wenn es gegen Vaters Willen ging.

Er gab ihm Geld genug es zu verprassen

und schenkte ihm sogar noch einen Ring.

 

Für mich hat Vater nie ein Fest bereitet.

So hielt ich meine Freunde niemals feil.

Ihm gab mein Vater seinen Teil der Erbschaft

und macht ein Fest für ihn von meinem Teil.

 

Der Schluss bleibt offen, wie ich mich entscheide.

Ich sage ihnen erst mal keinen Ton.

Ich will nicht sagen, ob ich beide liebe.

Ich bin der Bruder vom verlor‘nen Sohn.

LUKAS 15,22-32